Eigentlich lud uns Károly Klimó zur Präsentation seiner Gemälde ins Institut Français. Was wir dort aber erblickten, war eher eine Installation. Keines der exponierten Bilder war exklusiv als Bild zu betrachten. Sie erweckten eher die Impression von eingeschlossenen Präparaten. Eines Ensembles von Objekten, die über die - meiner Meinung nach wunderbare - Eigenschaft verfügen, der sie empfangenden Örtlichkeit einen Hauch von Heiligkeit zu verleihen. Den eingesperrten Kunstwerken entweicht wie sakralen Reliquien ein unbeschreiblicher Zauber. Sie lassen erahnen, daß sie auch zu etwas anderem als nur zum Betrachtetwerden verwendbar sind. Aber wozu? Vielleicht als Kultgegenstände. Schließlich ist es in der Installation nicht schwer, einen von Klimó geschaffenen Altar zu erkennen. Einen Altar, der über alle konventionellen Religionen hinausweist. Dessen Destination aber gerade deshalb um so schwieriger auszumachen ist. Und noch schwerer wäre zu sagen, wem neben (oder vielleicht sogar auf) diesem Altar geopfert werden soli.
Vor einigen Jahren hatte Klimó bereits in demselben Gebäude eine andere Exposition. Damals präsentierte er in dem Raum, der seitdem den Buchladen beherbergt, eine Bilderreihe, die zum Justine von Marquis de Sade kreiert worden war. Bei dieser Gelegenheit trugen die Bilder von Sade wesentlich zur Schaffung der Atmosphäre bei. Später, wieder als Anleihe aus der französischen Literatur, schuf er eine Artaud-Reihe. Neben diesen beiden könnte ich auch noch Kafka oder Thomas Bernhard erwähnen. Die Kunst von Klimó ist in vielerlei Hinsicht mit der Literatur verbunden, innerhalb derselben aber vor allem mit der Kunst von Gebrandmarkten und Verfluchten.
Klimó fühlt sich aber weniger mit gewissen Personen verbunden, sondern eher mit dem, was die Malerei den erwähnten Schriftstellern zueignet. Am Anfang erwähnte ich das Wort Opfer. Vielleicht wäre es sinnvoller, dieses Wort anstelle von Verbundensein zu setzen. Opfert also Klimó mit seinen Bildern Sade und Artaud? Nicht ganz. Oder opfern etwa alle der selben Person oder Sache? Dies brächte uns einer Antwort schon näher. Auf jeden Fall gibt es im Werk von Klimó einen opferähnlichen Zug. Ebenso wie in dem von Artaud oder Sade. Wem aber dieses Opfer wohl gelten könnte, bleibt weiterhin ein Rätsel.
Die ganze Installation ist wie ein Altar. Die eingesperrten Bilder erwecken den Eindruck von Kultgegenständen und erinnern mit ihren traditionellen Rahmen an kleine kirchliche Fahnen. Das Gold und Silber verleiht eine festliche Stimmung. Diese wird auch von den schwarzen und dunkelbraunen Farben erzeugt, die der ganzen Szene etwas sehr schmerzhaftes verleihen. Schließlich geht auch von den feurig-roten, den kalt scheinenden blauen und den weithin strahlenden gelben Farben etwas Festliches aus. Die Farben simulieren, sie wirbeln, sie halten einander in Spannung und entladen sich zuweilen gar. Dann blitzt wie bei einem Stück Magnesium, das Feuer gefangen hat, plötzlich ein grelles Licht auf. In solchen Augenblicken sinkt das Bewußtsein des Betrachters in sich zusammen und versteht nichts mehr. Es kann nur noch sensitiv wahrnehmen, daß es in ein Schauspiel geraten ist - in ein Spiel der Farben, bei dem sich schon nicht mehr nur sie, sondern auch die Urkräfte, die elementaren Offenbarungen und Energiequellen zum wilden Tanze vereinen. All dies ähnelt dem Anblick, den die gereizte Regenbogenhaut unserem Auge bietet, wenn wir eine Zeit lang einen Gegenstand fixiert haben und dann unsere Lider schließen.
Ähnlich wirken auch die Bilder von Kdroly Klimó. Es scheint sich auf ihnen alles zu bewegen und zu vibrieren. Selbst die hinter Glas verschlossenen Bilder erwecken den Eindruck, als wollten sie ursprünglich eine Installation gebären und mußten verschlossen werden, nur um nicht zu explodieren und in die dritte Dimension überzugehen. Denn gerade dies suggerieren Klimó zweidimensionale Bilder: stockfinstere Tiefe, tiefer noch als die Tiefe der Erde, und grell leuchtende Höhe, höher noch als der Himmel. Diese Extreme treffen sich auf den Bildern von Klimó, um wild zusammenzuschlagen - oder wie auf den neuesten Bildern, um sich in beruhigender Harmonie zu vereinigen. In solchen Momenten bedarf es der Farben weiter nicht mehr: die Werke verwandeln sich in meditative Gegenstände.
Das Opfer gilt demnach niemandem. Wenn dennoch, dann höchstens uns selbst, den Betrachtenden. Die Bilder bringen uns ein Opfer und wir ihnen, indem wir sie genügend lange betrachten. Der wahre Raum der in den Werken zu spürenden Tiefe ist einzig und allein in uns. Ebenso die ihnen entströmende Höhe. So wird der Opfergang zum Selbstversuch. Wir betrachten die Bilder, während sie uns testen, ob es in uns wirklich eine Tiefe und eine Höhe gibt. Dinge also, ohne welche die Werke von Klimó nicht leben würden, sondern ihr Dasein nur als neutrale Objekte fristen müßten.
Földényi F. László
Professor, Ästhet, Budapest