Dr. Hegyi Loránd: Düsterer Glanz

Charakteristisch für Károly Klimós Gemälde sind kräftige, schwungvolle Gesten, vibrierende Pinselzüge und brandige, verletzte Flächen, die eine düstere Stimmung verbreiten. Diese Emotionen und Erregungen so unmittelbar wiedergebende Kalligraphie wird durch Collage-Details und zertrümmerte Materialien ergänzt. Häufig bereichern dreidimensionale Elemente, Gegenstände oder Gegenstandsfragmente die Bildfläche. Das Grunderlebnis für den Betrachter ist das gequälte, herumwirbelnde oder auch hilflos daliegende Material selbst - die schwere, dunkle Masse. Dieses ,,Informelle“ bedeutet Formlosigkeit, das Fehlen einer exakt bestimmbaren Form, die völlige Ausklammerung der genau modellierbaren Bildrelationen. Für die informelle Kunst ist die Form das Endprodukt des Malprozesses, der materielle Träger der Aktion, das heißt der Abdruck. Und da der Prozess, die Handlung - für die künstlerische Selbstfindung - wichtiger ist als das Ergebnis, ist die Form nur insoweit von Bedeutung, als sie uns auf die Handlung, die Aktion schlussfolgern lässt. Robert Motherwell, einer der Begründer der informellen Kunst, nannte die Form ,,eine erstarrte Geste“. Die Gestenmalerei ist der Triumph der Natürlichkeit, der Sieg der künstlerischen Präsenz über die hinter der vollkommenen Form verborgene Persönlichkeit, über die Transponierung. Durch eine Steigerung des Persönlichen, durch die dramatische Komprimierung ersetzt die Geste in der informellen Kunst das Modell. In der Kunst von Károly Klimó ist der Anblick keine bildliche Realisierung eines geistigen Projekts, sondern der erstarrte Augenblick eines Kampfprozesses. Der Zauber dieses Augenblicks besteht eben darin, daß er einen Teil des Prozesses darstellt und zugleich auch dessen Auflösung und Stillstand ist. Augenblicklichkeit, Flüchtigkeit und Fortführbarkeit werden ebenso suggeriert wie Unverfälschlichkeit. Das Werk wirkt wie eine monumentale Ruine das Zerbröckeln der Steine ist ein unaufhörlicher Vorgang, die Zerstörung ist unaufhaltsamst, die Risse und Brüche sind zufällig, aber aus dem Gesamtbild sprechen dennoch Schicksalshaftigkeit , Würde und dramatische Ausgewogenheit.

Gerade diese dramatische Ausgewogenheit ist es, mit der Károly Klimó über die informelle Kunst hinausgeht. Er will schicksalshafte, dramatisch aufgebaute, bis ins Extreme verdichtete Bilder schaffen und zitiert deshalb häufig die Macht der ,,Mitte“, die symbolische Bedeutung von ,,außen“ und ,,innen“ und die Hierarchie von ,,oben“ und ,,unten“.

Das heißt, er komponiert und plant die Bewegung des Materials, lenkt die Gesten und manipuliert den Abdruck. Seine Oberflächen erinnern aus diesem Grunde manchmal an eine wirre Anhäufung von primitiven, uralten Zeichen, in der das geistige Streben nach Erleben und Interpretieren der Wirklichkeit Form angenommen hat. Die Spuren des Suchens verflechten sich zu einem dichten, pulsierenden, lebendigen Gewebe. Bei Klimós Bildern erscheinen die Stimmung der fragmentarischen Existenz, die zur Meditation veranlassende Traurigkeit der brandig gewordenen und zerfallen Architekturen und die bei Betrachtung der Naturobjekte aufkommende Unsicherheit zusammen mit Gesten des Sichöffnens. Dennoch verschmelzen die frakturellen Überraschungen seiner Gemälde und die Natürlichkeit der Gesten zu einer strengen Einheit. Diese Strenge wird noch durch den sakralen Ernst der Farben Schwarz, Rot, Gold und Weiß verstärkt. Mit den düsteren Gebilden der Vergänglichkeit vermischt sich eine Art byzantinischer Pracht. Das Funkeln des Goldes ist ein ahnungsvolles und erhabenes Licht der prachtvollen Mosaike von transzendenter Ausstrahlung und in gleichem Maße auch der Wahn einer irrsinnigen Maßlosigkeit. Die aufeinanderstoßenden und von unerhörter Erregung in Bewegung gebrachten Formen lassen mythisches Ringen ahnen. Die informelle Exzentrik der zerbrochenen und zertrümmerten Flächen umfaßt zugleich eine üppige, dekadente Ornamentik der Zerstörung und die Tragik des Ausgeliefertseins.

Klimó ist ein Maler, der seine Gedanken und Gefühle vom Leben ohne Programme und Themen in der Malerei an sich durchlebt und zum Ausdruck bringt. In der Art, wie er malt, wie er die Bildfläche verletzt und heilt, wie er sie bearbeitet und wieder zerlegt, stellt er menschliches Geschehen dar. Die Bildfläche in ihrem formbaren Material ist für ihn das Leben selbst, der Schauplatz des Lebensdramas. Im Bild erlebt Klimó die Geschehnisse des Lebens, durch die Malerei macht er sich die seelischen Erfahrungen bewusst. Seine Bilder sind also unmittelbarer Bestandteil seines Lebens; sie haben nicht die Aufgabe, etwas darzustellen, sie machen vielmehr ,,die große Geschichte“ erlebbar und begreifbar. Sie sind Besinnung, Bewusstmachung und Erleuchtung, visuelle Zeugnisse von wahrhaft erlebten und empfundenen Augenblicken.


Dr. Hegyi Loránd
Direktor des Museums für Moderne Kunst in Saint-Étienne



Magyar   English   Deutsche   Francais