Axel Matthes: Károly KLIMÓ

Sprechen wir über Kunst oder Natur, etwas gierig zumeist oder gerührt, ist es wie wenn der Pastor von Gott spricht: entfernt verwandt. Verfluchte Gewalt des Meinens.

Gut, Klimós Bilder haben nicht die penetrante Schweigsamkeit von Mondrians Bildern, auch fehlt ihnen die Thematik, das Erzählende wie bei einer Darstellung von Marats Tod. Als Kommentator unterlegt man einem Bild eine vermutliche Subjektivität und dieser wieder die eigene. Über Klimós Kunst läst sich nicht dozieren wie mit einer Zuckerstange. Vor dem Begreifen liegt das Ergriffen-sein, die Berührung der Netzhaut. Vielleicht könnte man ein Gedicht auf ein Bild von Klimó machen, selbst das ist schwierig. Seine Werke sind für mich malerisch-poetische Suggestionen und Kondensationen. Die Poesie ist ja nicht nur ein Attribut des Gedichts, sondern eine versteckte Eigenschaft des Existierenden - sein Horizont in der Seele des Menschen. Bei Klimós Bildern handelt es sich um Erscheinungsformen der Materie, um die bindende Energie des Raums, um Schichtungen, Spannungen, Strukturen, um Grenzwiderstand, um Farb-mischungen, Farbschleier, um Einzelformen und Zeichen. Die Materie ist Vorgang, dasselbe wie Strahlung - kein Dualismus von Kraft und Stoff - nichts Gegensätzlich-Starres, sondern Stoff und Energie sind nun eins, wie die Chinesen es vor-ahnten. Alles ist Wandlung, und mit Recht heisst das älteste Buch der Menschheit: Buch der Wandlung. Die Ära des intellektuellen Hochmuts ist um, Károly Klimó ist kein Grosstuer, kein Lenbach oder Stuck. Seine Bilder, seine Erfindungskraft, sie wollen nicht herrschen. Klimó übertrifft an Intelligenz viele Intellektuelle, von denen ich umgeben bin. Offensichtlich hat er die Liebe erfahren. Seine Bilder behalten ein Geheimnis, eine Einfachheit, eine originale Kraft, Konsistenz, wenn wir uns ihnen zuwenden. Sicherlich ist dieses Hin und Her zwischen Werk und Betrachter notwendig, ja ein Merkmal, um Gelungenes zu behaupten. Heute pilgert man allerdings zum Musical wie zu Van Gogh oder zur Dokumenta mit der gleichen Indifferenz. Klimó malt nie mit einem Holzhammer.

Zuhause habe ich ein kleines gemaltes Bild auf Papier von Klimó: es hat eine besondere Spürkraft, es ist ein fast abtraktes Meditationsbild, von mir "Bitteres Herz" getauft. Es hing mittlerweile an vier verschiedenen Orten in der Wohnung, eine zeitlang hielt ich es versteckt es starrte mich an und ich war ausserhalb, konnte nicht hineingehen. Dieses Bild ist auch eine Geste, die das Leben berührt. Es läst sich nicht übersehen, so wenig es mir möglich ist, ein Streichquartett von Bartók von der Schallplatte zu hören und dabei die Zeitung zu lesen. Andere Bilder Klimós sind solche, die man sich hinstellt wie einen Topf, denken sie an Dürers Melancholia oder an Stilleben Cézannes. Denn sie haben Halt, eine Achse, sind Leben sub pole. Was heisst eigentlich sehen lernen? Ich meine, sich heranzubilden zur Ehrfurcht vor der Wirklichkeit, vor der Bewegung, den Schwingungen (die Musik ist der Lebensbrennpunkt, ist das Einmaleins) und zur Andacht vor den schönen Rätseln der Dinge.

Die Menschen sind die Güte selbst; solange sie nicht verdorben sind von der Angst vor dem Leben. Ich kenne wenige Menschen, die so frei sind von irgendeiner Bigotterie wie Károly Klimó. Er ist kein arrivierter Verzweifler, eher ein skeptischer Enthusiastiker. Seine präzise, leise, hellwache, mutige Art ist fabelhaft ernüchternd gesund. Trotz seiner Wärme und Generosität gibt es eine dunkle Seite.

Ein Meister führt in seinem Geleit nicht nur eine tiefe Menschlichkeit, sondern auch mancherlei Pracht mit. Manche Bilder Klimós empfinde ich wie Fernheizungen in unser Herz. Klimó ist kein Fanatiker des Widersprechens, Solche Fanatiker zerstören, das ist nur Mundwerk. In denen ist kein Magnet, sie sind feindlich, absprecherisch, banal. In Károly Klimó ist ein Magnet. Seine Bilder sind nicht harmlos in einem bloss dekorativen Sinn, aber er setzt keine Denkmäler oder Klötze. Man muss genau hinsehen, das Empfindbare abtasten, dann ziehen sie einen mit.



Axel Matthes
Schriftsteller, München



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